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Berühmt-berüchtigte Bücher

Simon Grigo

In der Bibliothek des Kölner Jesuitenkollegs standen tausende Bücher. Viele der Titel sind heute in Vergessenheit geraten oder nur noch Expert*innen bekannt – das gilt beispielsweise für zahlreiche Lehrbücher und Grammatiken, theologische Abhandlungen und Disputationen sowie Lieder- und Gedichtbände. Andere Titel klingen vielleicht vertraut, stammen aber nicht aus der Zeit der Jesuiten, sondern wurden nachgedruckt: Dazu zählen etwa Literaturklassiker wie die Ilias, die Schriften der christlichen Kirchenväter oder die Werke römischer Geschichtsschreiber. Doch einige der Bücher aus jesuitischer Zeit haben tiefere Spuren hinterlassen, haben die Nachwelt geprägt und erstaunen uns noch heute.

Darstellungen der Mondoberfläche, aus: Galileo Galilei, Sidereus nuncius, in: Opere Bd. 2, 1718
Gymnasialbibliothek, N1/95-2 | Bildnachweis: Universitäts- und Stadtbibliothek Köln

So etwa der Sidereus Nuncius (dt. Sternenbote oder Nachricht von den Sternen), ein Werk, das 1610 in Venedig veröffentlicht wurde. Bekannter als der Text selbst ist bis heute dessen Autor, der aus Pisa stammende Astronom, Philosoph und Mathematiker Galileo Galilei. Er hatte mit einem eigens weiterentwickelten Teleskop bis dahin unbekannte Monde des Jupiter gefunden und den Erdmond in bisher ungekanntem Detail beobachten können. Um seine Entdeckungen bekanntzumachen und mit anderen Forschern in Kontakt zu treten, nutzte er die Möglichkeiten des Buchdrucks. Galilei erkannte auch den Wert graphischer Darstellungen für wissenschaftliche Texte und fügte seinem Werk zahlreiche, auf eigenen Zeichnungen basierende Abbildungen bei – etwa von der Mondoberfläche. In späteren Jahren geriet Galilei in Konflikt mit kirchlichen Institutionen, unter anderem auch mit einigen Jesuiten. [1] Diese Auseinandersetzungen beruhten aber nicht zuletzt darauf, dass viele Jesuiten selbst engagierte Natur- und Himmelsforscher waren.

Manche widersprachen seinen Forschungsergebnissen, andere erkannten Galileis Entdeckungen an, einzelne verteidigten ihn gar gegenüber Kritikern aus dem Orden. [2] Vielleicht erklärt das den ambivalenten Umgang der Kölner Jesuiten mit dem Nuncius: Zwar ließen sie das Buch mit anderen astronomischen Schriften aufwendig zusammenbinden und versahen den Band mit einer Signatur, im Katalog der Hauptbibliothek von 1725 wurde er jedoch nicht verzeichnet – möglicherweise war er ursprünglich dort aufgestellt, wurde dann aber fortgenommen. [3]

Im Katalog verzeichnet war hingegen ein weiteres berühmt-berüchtigtes Buch, die Cautio Criminalis seu de processibus contra Sagas Liber (wörtlich Rechtlicher Vorbehalt oder Buch über die Prozesse gegen Hexen), ein anonym veröffentlichtes Werk des Jesuiten Friedrich Spee von Langenfeld. Dieser trat mit seiner Schrift energisch den Hexenprozessen seiner Zeit entgegen. Der Glaube an Magie und Hexen war tief in der Gesellschaft der Frühen Neuzeit verwurzelt. Demnach galten angebliche Hexen als mit dem Teufel verbündet, sie wurden für alle Arten von Unglücksfällen (zum Beispiel für schlechte Ernten) verantwortlich gemacht und daher vielerorts gejagt, angeklagt und getötet. Zwar bezweifelte Spee in seinem Werk nicht direkt die Existenz von Hexen, aber er wandte sich beispielsweise gegen die Praxis seiner Zeit, Geständnisse der Hexerei mittels Folter zu erpressen. Heute wirken seine Argumente mitunter, als würde Spee die Einwände unserer eigenen Zeit aussprechen: Er hielt die Folter potenziell Unschuldiger für ungerecht und bezweifelte auch den juristischen Wert derart erzwungener Geständnisse. [4] Kurz nach der Veröffentlichung der Cautio Criminalislehrte Spee in Köln und erlebte, dass das Kölner Jesuitenkolleg (kurz erklärt), wie auch der gesamte Orden, geteilter Meinung über seine Schrift war. [5] Dennoch wurde diese schließlich gleich zweifach in die Bibliothek des Kollegs aufgenommen – interessanterweise zwar nicht die Erstausgabe von 1631, aber dafür die argumentativ noch einmal verschärfte Ausgabe von 1632. [6]

Dass die Jesuiten mit den großen Geistern ihrer Zeit – nicht nur innerhalb des Ordens – in regem Kontakt standen, zeigt die Dissertatio de arte combinatoria, die 1666 von Gottfried Wilhelm Leibniz veröffentlicht wurde, der in diesem Jahr gerade einmal seinen 20. Geburtstag beging. Gleich im darauffolgenden Jahr schenkte ein gewisser Freiherr Johann Christian von Boineburg, ein Förderer und Freund des jungen Leibniz, das Buch dem Kölner Jesuitenkolleg. Anlass der Zuwendung Boineburgs war wohl die Immatrikulation seines Sohnes am Kölner Kolleg. [7] Für die Bibliothek bedeutete die Schenkung eine Bereicherung ihres philosophisch-mathematischen Bestandes durch einen brandaktuellen und zukunftsweisenden Beitrag: Die Kombinatorik ist bis heute eine mathematische Teildisziplin. [8] Leibniz blieb mit den Jesuiten auch später, als er bereits als Geistesgröße seiner Zeit gefeiert wurde, in Kontakt: Bekannt ist seine wiederholte Korrespondenz mit Bartholomäus des Bosses, einem niederländischen Jesuiten, der den Großteil seines Gelehrtenlebens in Köln verbrachte. [9] Diese Verbindung der Kölner Jesuiten zu Akademikern und Wissenschaftlern war kein Einzelfall, viele Ordensmitglieder genossen hohes Ansehen im Netzwerk der europäischen Gelehrtenwelt. Um dieses Ansehen erhalten zu können, waren sie auch darauf angewiesen, Zugriff auf die neuesten Publikationen zu haben. Und so sammelten die Kollegien nicht nur die antiken Klassiker und fromme Literatur, sondern auch manche kontrovers diskutierten Schriften – von denen einige bis heute berühmt-berüchtigt sind.

 

 


[1] Prominente Beispiele hierfür sind Robert Bellarmine und Christoph Scheiner. Vgl. Gregory W. Dawes, Galileo and the Conflict between Religion and Science, London / New York 2016, S. 63–71. Auf S. 64 findet sich auch eine kurze Zusammenfassung der Entdeckungen im Sidereus Nuncius.

[2] Beispielsweise Christoph Grienberger, vgl. Markus Friedrich, Die Jesuiten. Aufstieg, Niedergang, Neubeginn, München 2016, S. 344.

[3] Vgl. dazu USB N1/3+2 sowie den handschriftlichen Katalog der Jesuitenbibliothek von 1725: USB Köln 5P8, als Digitalisat verfügbar unter der URL: www.ub.uni-koeln.de/cdm/ref/collection/jesuiten/id/2388, S. 359.

[4] Für einen Überblick sowohl zur Praxis der Hexenverfolgung als auch zu Spees Kritik vgl. Harald Horst, Hexenverfolgungen und Gegner des Hexenwahns im Rheinland, in: Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek (Hrsg.), Friedrich Spee. Priester, Mahner und Poet (1591–1635) (Libelli Rhenani 26), Köln 2008, S. 55–110.

[5] Vgl. Klaus Schatz, Jesuiten in Köln von der Gegenreformation bis zur Aufklärung (1543–1773), in: Hans-Peter Hilger / Udo Mainzer, Die Jesuitenkirche St. Mariae Himmelfahrt. Dokumentation und Beiträge zum Abschluß ihrer Wiederherstellung 1980 (Beiträge zu den Bau- und Kunstdenkmälern im Rheinland 28), Düsseldorf 1982, S. 155–171, hier: S. 163–165.

[6] Vgl. USB Köln 5P83, als Digitalisat verfügbar unter der URL: www.ub.uni-koeln.de/cdm/ref/collection/jesuiten/id/2388, S. 413 und 450.

[7] Vgl. Gunter Quarg, Naturkunde und Naturwissenschaften an der alten Kölner Universität (Studien zur Geschichte der Universität zu Köln 14), Köln / Weimar / Wien 1996, S. 27.

[8] Leibniz leistete mit seiner Dissertationsschrift einen Beitrag zur Ausformung dieser Teildisziplin, vgl. Eberhard Knobloch, The origins of modern combinatorics, in: Robin Wilson / John J. Watkins, Combinatorics. Ancient and modern, Oxford 2013, S. 147–166, hier: S. 149–151.

[9] Eine umfangreich kommentierte Edition der Briefe bietet: Rita Widmaier, Malte-Ludolf Babin (Hrsg.), Briefe über China (1694–1716). Die Korrespondenz mit Barthélemy Des Bosses S. J. und anderen Mitgliedern des Ordens, Hamburg 2017.

Empfohlene Zitierweise
Simon Grigo, Berühmt-berüchtigte Bücher, aus: Gudrun Gersmann (Hrsg.), Bücher, Bilder, Lehrobjekte: Die Sammlungen der ehemaligen Kölner Jesuiten (DOI: https://dx.doi.org/10.18716/map/00008), in: mapublishing, 2021 (Datum des letzten Besuchs).